Posts mit dem Label kreativ werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label kreativ werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 11. November 2023

Polygourmet

Ihr kennt sie ja. Ihr wisst ja, wie schön sie ist. Wie besonders. Wie faszinierend. Sicherlich – ich unterliege ihrem Charme noch mehr als andere. Aber vielleicht auch deswegen, weil ich ihren Wert noch besser erkenne als andere.

Wie auch immer. Wir wollten zusammen ausgehen. Beide waren wir einverstanden und hatten große Pläne. Wir freuten uns, auf das, was vor uns lag, aber vor allem auch über das, was wir im Moment gerade erlebten. Schön haben wir uns gemacht, wollten wir doch unserem Gegenüber, ebenbürtig unseren Respekt und unsere Wertschätzung zukommen lassen.

Und in der Tat war es wundervoll. In einem Restaurant saßen wir an einem intimen, gemütlichen Tischchen und haben uns eine ganze Weile interessiert ausgetauscht. Gegenseitig haben wir voneinander gelernt, wie man den Wein am besten genießt, was man beim Essen alles beachten kann, wie man achtsam miteinander kommuniziert und noch viele andere interessante Aspekte des Lebens.

An einem bestimmten Moment habe ich mich daran erinnert, dass sich auch noch andere Frauen im Lokal befanden. Auf den ersten Blick wirkten diese auch anziehend und ich konnte mir auch gut vorstellen, mich mit der einen oder anderen intensiver auszutauschen, wäre ich nicht schon mit Dorothée hier gewesen. Sie allerdings hatte in diesem Moment nur Augen für mich, und ich wusste, dass sie sich dasselbe von mir gewünscht hätte. Mit der Absicht, vollkommen aufrichtig und ehrlich mit ihr zu sein, und mit dem Risiko, sie dadurch zum Gehen zu bewegen, beichtete ich ihr meine instinktiven Bedürfnisse nach multipler Erbgutverteilung und meine gewitzten Ideen von freier Liebe. Sie hat verstanden. Und auch wenn es sie sehr enttäuscht und traurig gemacht hat, ist sie geblieben. Und auch ich war für sie da, und wir fuhren fort, uns auszutauschen und voneinander zu lernen.

Irgendwann einmal waren wir alle interessanten Punkte der Speisekarte durchgegangen. Und wir hatten uns wohl auch inzwischen ausreichend ausgetauscht, sodass wir Lust hatten, uns ein paar Kinder mit an den Tisch zu holen, um auch sie in die Kunst des Genießens einzführen. Klar war das spannend und aufregend. Aber natürlich auch anstrengend und frustrierend. Denn wenn sie auch ausgiebig genießen wollten, wollten sie nicht unbedingt verstehen, dass man dies auch erst einmal lernen muss. Oder wir, als Erfahrene, haben nicht unbedingt verstanden, dass sie in ihrem eigenen Rhythmus lernen wollten und dass dieser Rhythmus nicht immer derselbe ist, den wir uns gerade wünschen.

Jedenfalls hatten wir dadurch viel weniger Zeit, unser eigenes Mahl zu genießen. Und auch noch viel weniger, um uns wie vorher darüber auszutauschen und miteinander zu genießen. Und wenn wir uns auch bemüht haben, uns die Verantwortung für die Kinder gerecht aufzuteilen, kann man wohl doch davon ausgehen, dass Dorothée anfangs einen deutlich größeren Teil der Belastung getragen hat als ich, denn schon rein körperlich suchten die Kinder ihre Nähe besonders. Und auch wenn sie es genossen hat, ihr Essen mit den Kindern zu teilen, hat sie es doch auch irgendwann einmal vermisst, etwas für sich ganz allein genießen zu dürfen. Irgendwann hat das sogar dazu geführt, dass sie immer öfter, wenn sie die Gelegenheit dazu hat, lieber allein genossen hat als mit mir.

Hinzu kam außerdem ein Moment, an dem wir an die Bezahlung der ganzen Geschichte denken mussten. Und dafür mussten wir uns ab und zu mal vom Tisch entfernen, um uns versorgungstechnisch zu verdingen. Da Dorothée mehr mit den Kindern beschäftigt war als ich, lag es nahe, dass ich mich mehr um die Versorgung kümmerte, was ich meinerseits aber auch genoss. Die Werte sind dafür in unserer Gesellschaft sehr frei verschiebbar, und das hat viele Vorteile, leider aber auch ein paar Nachteile. Denn während ich für die Versorgung unterwegs war, hatte Dorothée ebenfalls Lust, aber vielleicht auch ein gewisses Gefühl der Verpflichtung, zur Versorgung beizutragen und ging dem auch nach. Dadurch entstand für mich wiederum das Gefühl, dass die Kinder nicht die Aufmerksamkeit und Fürsorge genießen konnten, die ihnen zugestanden hätte. Und ihnen diese zu geben, sah ich ebenfalls als meine Verpflichtung an. Unter der daraus entstandenen Mehrbelastung und Unzufriedenheit bin ich irgendwann einmal zusammengebrochen und habe gar nichts mehr genossen. Ich habe auch nicht mehr versorgt und mich nur noch wenig gekümmert.

Bestimmt war mein Zusammenbruch nicht sehr appetitlich anzusehen und hat Dorothée ganz sicherlich auch große Angst bereitet., Ganz instinktiv wird sie sich wohl sorgen gemacht haben, wie das gute Essen für sie und die Kinder denn in Zukunft bezahlt werden kann. Außerdem war dies der Moment gewesen, als ich meinem tiefen Bedürfnis nachging, mich des Öfteren nicht nur für die Versorgung sondern auch für meine persönliche seelische Gesundheit vom Tisch zu entfernen. Ich riet auch Dorothée dazu aber 1) fühlte sie sich nicht bereit und/oder befugt, sich von den Kindern zu entfernen und 2) fühlte sie sich von mir dazu gedrängt, sich auf gleiche Weise um ihre seelische Gesundheit zu kümmern wie ich (Meditation). Wenn man einen direkten Zusammenhang zwischen dem Zusammenbruch und der Meditation sieht, wirkt das natürlich nicht sehr überzeugend.

Ich denke, dass es besonders ab diesem Moment war, dass sie sich daran erinnert hat, dass es noch andere Männer im Lokal gab. Andere Männer, die auf den ersten Blick auch anziehend wirkten und mit denen ein intensiverer Austausch sicherlich lohnenswert wäre.

Die preiswerten, gesunden und moralisch einwandfreien Gerichte auf der Karte sind schon ganz bestimmt vollwertig und auch schmackhaft. Aber manchmal wirkt etwas anderes und exquisites verlockend. Außerdem ist der neue Austausch mit jemand anderem über das gemeinsam Genossene wahrscheinlich noch wichtiger.

Der Mann vom Nachbartisch sitzt auch mit seiner Frau und Kindern da. Warum sollten wir den Austausch auf unseren Tisch beschränken? Warum sollten wir uns im Bezug auf Austausch mit den anderen Restaurantbesuchern Grenzen setzen. Vor allem, wenn wir langsam den Eindruck bekommen, dass es sich nicht nur um ein Restaurant, sondern auch um einen Club handelt. Vor der Ankunft der Kinder wussten wir das schon einmal. Und jetzt verstehen wir es wieder mehr und wollen dies auch nutzen.

Bei einer meiner Abwesenheiten hat sie also (mit meinem Einverständnis) Kontakt zum Nachbarn aufgenommen. Und sie ist ihrem Bedürfnis nachgegangen (weniger mit meinem Einverständnis), ihren Platz an unserem Tisch zu verlassen, um sich mit ihm (für eine gewisse Zeit) an der Bar oder vielleicht sogar an einen anderen Tisch auszutauschen. Meine Bitte, an unserem Tisch zu bleiben, damit wir den Abend weiterhin zu zweit (bzw. zu fünft) verbringen, hat sie beeindruckend lange ungerührt gelassen.

Auch wenn es eigentlich mein Wunsch ist, den Abend eher intim zu verbringen, war ich bereit eine Öffnung unter folgenden zwei Bedingungen zu akzeptieren:

1) Da für mich die Beziehung mit ihr und unsere gegenseitige Offenheit und Ehrlichkeit an erster Stelle steht, wollte ich über ihre Mobilität und Kommunikation mit anderen während meiner Abwesenheit im Klaren sein, also auch in Kenntnis darüber gesetzt werden. Zumindest wollte ich, dass es kein Tabu wäre, sollte ich einmal das Bedürfnis nach grundsätzlichen Informationen haben. (Ich spreche hier nicht von intimen Details, selbst wenn ich zugeben muss, dass ich auch dafür ein gewisses (unmoralisches!? aber sicherlich natürliches) Interesse verspüre.)

2) Ich wollte von ihr die Zusage, dass unser Tisch ihr Haupttisch und ich ihr Hauptaustauschpartner bleiben würde.

Diese beiden Bedingungen wollte sie nicht akzeptieren. Darum sitzen wir zwar jetzt noch am gleichen Tisch, um uns um die Kinder zu kümmern, der unmittelbare Austausch zwischen uns beiden ist aber auf ein Minimum beschränkt.

Geändert hat sich die Situation nur einmal kurzfristig, als sie, wieder einmal an der Bar, einer anderen, zunächst für sie unscheinbaren Frau von den Vorteilen der freien Abendgestaltung erzählt hat und diese daraufhin an unseren Tisch kommt, um sich mit mir auszutauschen. Als Dorothée daraufhin realisiert, dass auch ich meinem inzwischen lange unbefriedigten Bedürfnis nach persönlicher Kommunikation mit dieser Frau nachkomme, kommt sie wütend zurück, verjagt die „treulose“ Frau und schließt den Tisch für ungebetene Gäste. Ich bin, mit Vorbehalten, erst einmal beruhigt und einverstanden.

Zurück zum Status Quo also!?

Zumindest bis zu dem Moment, wo ich wieder einmal abwesend bin und Dorothée den Tisch erneut öffnet. Sie bleibt mir gegenüber aber bewusst darüber im Unklaren, wie weit sie sich diese Öffnung für sich selbst und für mich vorstellt.

Im Moment habe ich den Eindruck, dass sie mir so wenig wie möglich Information über ihre eigene Mobilität und Kommunikationsfreude geben will. Einerseits, weil es mich nichts mehr angeht. Denn der gemeinsame Abend ist trotz gemeinsamen Tisches aufgehoben. Andererseits aber auch, um die Kommunikationsfreude mit anderen nicht „unnötig“ auch bei mir zu erwecken. Falls es mit dem neuen doch wieder abflaut oder dieser seinerseits das Interesse verliert, ist es sicherer, an einen gedeckten und aufgeräumten Tisch zurückkehren zu können, wo man weiß, was man hat. Wer würde sich denn darum kümmern, wenn auch ich mich an der Bar austauschen würde und mich eventuell an einem anderen Tisch dauerhaft niederließe?

Inwieweit ich mich darauf einlassen soll, oder inwieweit ich unseren Tisch intakt und Dorothées Platz frei halten soll, frage ich mich gerade.


Freitag, 11. Dezember 2020

Tragödie

 Und dann wollte er ihr noch sagen: „Ich habe unsere Liebe nicht allein zerstört.“ Aber da war sie schon weg.

Er blieb noch eine Weile. Er wusste nicht, wie weit sie schon war, wie lange sie schon unterwegs war, denn sie hatte sich ohne sein Wissen schon einen Vorsprung verschafft. Dennoch war er sich sicher, dass sie ihn gehört hatte, und er hoffte darauf, dass sie auf seine letzten Worte reagieren würde. Auf diese demütige Bitte um Vergebung des sonst so stolzen Königs. Auf dieses Angebot der Versöhnung und der Verständigung.

Aber sie reagierte nicht. Ab und zu vergewisserte sie sich, dass er noch da war, dass dieser einst so schöne und nun unsagbar traurige Ort noch mit Liebe und Hoffnung gefüllt war. Und das beruhigte sie, und sie konnte ihren Weg fortführen.

Und dann verstand er, dass es sich um eine Tragödie handelte: So lange er hier blieb, so lange sie ihn hier sehen würde, würde sie seine Worte nicht wahr nehmen. Sein Bleiben verstünde sie als Zeichen ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer Unschuld. Erst mit seinem Verschwinden wäre es ihr möglich, sich selbst in Frage zu stellen.

Er ging.

Und nun war es an ihr die unsagbare Traurigkeit dieses einst so schönen Ortes allein auszukosten.

Dienstag, 22. September 2015

Dienstag, 15. September 2015

Tagebücher

Erwachen (1998)


Rauschen durchdringt meinen Kopf. Ein anderer Rausch als letzte Nacht. In gleichmäßigen Intervallen, ständig an- und abschwellend. Bei jeder Wiederkehr verstärkt sich das Getöse, und mein Kopf beginnt im selben monotonen Rhythmus zu dröhnen.

Erdrückende Hitze liegt auf meiner Haut, und gleißendes Hell durchscheint die Augenlider, um mich vollends aus Morpheus Reich in das der Lebendigen zurückzuführen. Ein pelziger Geschmack beherrscht meine Mundhöhle. Kopf und Oberkörper bewegen sich zu Seite, um unverdauten Sangria und Hansapils den Weg von Magen bis in den Sand neben mir zu ermöglichen. Ungeheure Schmerzen bringen meinen Schädel fast zum Bersten, und ein schwaches Stöhnen entweicht meiner Kehle.

Silbernes Kinderlachen dringt an mein Ohr. Und nun, da ich die Augen einen Spalt breit öffne, erblicke ich ein kleines Mädchen, das mit ausgestrecktem Finger au mich zurennt. Nach wenigen Metern wird sie jedoch vom Vater eingeholt, der ihr die Augen zuhält und sie zum Strand zurückführt.

Ich schaue an mir herab. Mein freier Oberkörper ist tiefrot gefärbt. Ich bin barfuß und meine Shorts sind bis zu den Knien heruntergezogen. Neben mir liegt mein nach Bier riechendes Hemd und ein geöffnetes aber unbenutztes Präservativ. Was es mir bedeuten soll, vermag ich im Moment jedoch nicht zu enträtseln.

Die Sonne steht im Zenit, und so ziehe ich meine Hosen hoch, streife mein Hemd über und schließe die Augen. Denn 16 Uhr schon öffnet der Ballerman wieder.

Wenn man es gut meint, kann man die Darstellung als pfiffige Groteske werten, die im Abschluß noch ihr Thema findet und situativ äußerst realitätsnah, wenn auch ekelerregend bleibt.
Obwohl Kind und Vater den Wirklichkeitsausschnitt kurz bewertend erhellen, bleibt der Text eine zweideutige Variante, die in der Bewertung vom Leser abhängig ist.

12 P.
F. Lohse
05.07.1998

Katz und Maus von Kafka

Krieg und Frieden (1998)

Der Frieden ist ein kostbares Gut. Denn zu Friedenszeiten kann der Mensch sich erholen. Von materiellen Verlusten vor allem. Er kann wieder eine Wirtschaft aufbauen, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen und sie die Schrecken des Krieges vergessen lassen. Auch kann der Mensch aufrüsten und neuere, effektivere Waffen erforschen, die schneller, präziser noch mehr Menschen töten. Der Mensch kann sich an seinen Eroberungen und Machtvergrößerungen erfreuen, so dass er sich bald daran gewöhnt und langweilt. Oder er nährt seine Frustration über die Gebietsverluste und Niederlagen und schmiedet Pläne, wie sie wett zu machen sind.

Dann ist die Zeit gekommen für einen neuen Krieg. Denn Krieg bedeutet Hartnäckigkeit, mit welcher er wieder und wieder in den Köpfen auftaucht, wenn diese durch Wohlstand und Ignoranz vernebelt sind.

Es gibt verschiedene Kriege. Zum Beispiel soll es einen gerechten Krieg geben. Einen Präventionskrieg. Oder einen Befreiungskrieg, bei dem ein Teil der Menschheit versucht, sich von einem anderen Teil zu befreien. Vor einiger Zeit gab es einen 30-jährigen Krieg, der so vernichtend war, daß man zum ersten mal in der Geschichte der Menschheit einen gewaltsamen Konflikt durch einen Vertrag beenden musste. Von einigen wird er als Religionskrieg bezeichnet, da der Mensch glaubt, dass es wichtig ist, dass alle anderen glauben, was er selbst glaubt. Diese Idee und die daraus resultierenden Konflikte bestätigen und verstärken sich auch in der heutigen Zeit mehr und mehr. Nach dem 30-jährigen, dauerte die Periode des Friedens dann auch ein wenig länger, bis die Menschen wieder vergessen hatten. Doch als es wieder so weit war, folgten viele einem einzelnen bis nach Russland, und er musste dann später zur Strafe allein auf einer Insel sterben.

Wieder waren Jahre der Regenerierung nötig. Schließlich kam eine Zeit, in der die Menschen auf etwas Stolz sein mussten. Vielleicht hatten sie nicht viele Alternativen, oder ihre eigenen Errungenschaften waren ihnen zu unbedeutend. Und so waren sie stolz auf den Ort ihrer Herkunft. Ihr Vaterland. Und für diesen sehr berechtigten Stolz lohnt es sich natürlich auch zu kämpfen. Zwei Mal sogar in kürzester Zeit. Das sich viele Menschen daran beteiligten, nennt man diese Konflikte „Weltkriege“. Da nun der letzte aber den Menschen gar zu sehr schockiert hat, musste der Frieden diesmal ein wenig länger dauern. Und weil der Mensch aber weiß, dass er schnell vergisst, erschafft er Regeln, Gesetze und große Organisation, die ihn vom Kriegen hindern sollen. Da dies aber nicht reicht, erfindet er sogar wieder einen neuen Krieg, nämlich den Kalten. Hierbei befriedigt die bloße Vorstellung seiner Auswirkungen die Bedürfnisse des Menschen nach Terror. Da ihm diese Sache aber doch zu heikel wird, baut er ab, und kleinere Scharmützel beginnen wieder. Meiste werden dann wieder Ursachen wie Glauben, Gerechtigkeit oder Befreiung genannt.

Die Funktion des Friedens für den Menschen ist also fast genauso essentiell wie die des Krieges. Der wäre ja ohne den Frieden gar nicht möglich. Der Krieg nun aber scheint für den Menschen ein sehr lebenswichtiges Bedürfnis zu sein.

Man hört zwar auch immer wieder von Menschen, die einfach nur friedlich dahinleben wollen, aber die heutige Lage betrachtet, scheinen jene wohl nur wenige Ausnahmen zu sein.



21.12.2007

Bild: Abbey Road The Beatles


Auch an diesem Morgen drehten sie wieder ihre Runden. John führte im Moment mit zielgerichtetem Blick, hatte die Hände in den Taschen um schnittiger zu sein. Die anderen drei erholten sich in seinem Windschatten. Alle verfolgten sie ein gemeinsames Ziel, doch jeder hatte so seine eigene Vorstellung, wie man am effektivsten dorthin unterwegs war. Und denoch: Es gibt Hinweise, dass das Ziel nicht des einzig Wichtige für die Jungs war.

John führte also. Eine Lichtgestalt. Hell. Und doch nicht weiß. Sein Bart und die langen Haare schützten ihn vor der Witterung. Ebenso wie seine Brille. Außerdem machte er damit Eindruck - sowohl bei den Kleinen, als auch bei den Großen. Aber es ist schwierig zu sagen in welchem Maße dies wichtig für ihn war.

Ringo ist zweiter. Haare und Baart sind bei ihm kürzer. Ist er noch nicht so weit oder schon eine Runde weiter? Schwarzer Anzug, weißes Hemd, roter Binder. Die Schuhe glänzen. Macht was her, ohne Frage. Ist sein Blick auf Johns Rücken gerichtet? Oder sieht er an ihm vorbei mit zusammengekniffenen Augen, um das Zwischenziel vor ihnen zu erahnen?

Hinter ihm ist Paul. Fällt aus der Reihe; mehr als die anderen; auf den ersten Blick. Gesicht ist glatt, Zigarette in der Hand. Keine Schuhe - im Gegensatz zum schicken Anzug. Störender aber noch: Seine Schrittfolge ist nicht die der anderen. Wenn die drei den linken Fuß vorn haben, hat er den rechten vorn. Man könnte meinen, er zieht seine Zehen an, um nicht die Hacken von Ringos Schuhen damit zu berühren.

Auch George bekommt seine Probleme dadurch. Er läuft versetzt, um frei ausschreiten zu können; ist dadurch nicht ganz in einer Linie mit den anderen. Auch sein Blick scheint rechts an allen vorbei zu gehen, und zeigt seine Bereitschaft zum Überholen oder Ausbrechen an. Er ist in Jeans - working class; als statement. Haare lang und Baart. Eine Hand einstecken, eine frei - unausgeglichen.

So ziehen sie. Und andere schauen zu. Beobachten ihren Weg von der einen Seite zur anderen. Sie sind zu viert. Für ein paar Sekunden nur befinden sich alle gemeinsam auf der Straße, ohne Kontakt zum Gehweg. Sicherlich, für den einzelnen ist es mehr, aber auch John, selbst wenn er führt, weiß, dass die anderen da sind. Außerdem benutzen sie den Zebrastreifen.

Warum also dieses Bild? So und nicht anders? In der Abbeyroad, an einem Sommertag? Wo wollen die Jungs hin? Und warum hält man sie dabei auf?

„Nein, nein, nein! John! Nicht so schnell - das muss entspannter aussehen. Und du Paul – mach’ die Zichte jetzt mal aus - die Länge so ist gut - und der Rauch stört sowieso mehr als alles andere. George - krämpel mal deine Manchetten 'n Stück hoch - das kommt groovy.“

Und so ging es. Jeden Tag. Immer von neuem. Immer vorwärts. Anders zwar, aber vorwärts. Und von neuem. Über die Straße. Von hüben nach drüben. Ohne Hilfe, ganz allein. Mit Orientierung und Anweisung. Aber selbstständig. Frei. Vor allem der erste. Geleitet nur durch seine Umwelt; und den ganzen Rest eben. Mit festem Schritt. Meistens zumindest. In der Abbey Road. Und anderswo. Bis rüber. Und weiter. Nach vorn. Von vorn. Nochmal. Aber anders. Immer wieder.

Potsdam, 23.11.2007


Portrait (Erstelle ein Portrait!)


- „Du bist mein Bruder?“

- „Ja, und wir haben auch noch eine Schwester. Elli ist 18 Tage jünger als ich und wohnt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in Leipzig. Du bist also schon Onkel.“

- „Krass! 18 Tage jünger? Wie geht das denn?“

- „Na ja, verrückte Geschichte. Meine Mutti hat das damals auch nicht so gut verkraftet, als die Unterhaltsforderungen von Ellis Mutti im Briefkasten lagen … aber da können wir ja später nochmal drüber reden. Du hast also nichts von uns gewusst?“

- „Nee.“

- „Aber was hat er euch denn erzählt über sein Leben bevor er deine Mutti kennengelernt hat?“

- „Na ja, so viel haben wir da nie drüber gesprochen … er hat halt bei der Wismut studiert, vorher war er noch bei der Fahne gewesen - und natürlich ein paar Geschichten aus der Bandzeit. Weißt du davon?“

- „Na nur dass er wohl Bassist war, in einer Band, die auch "relativ" erfolgreich war im Osten - 'n bisschen Party ham'se wohl gemacht.“

- „Darüber ham wir nicht so viel gesprochen, aber durch die Musik musste er bei der Armee nich ganz so hart ran, und über die Beziehungen hat er dann auch den Studienplatz in Eberswalde gekommen.“

- „Genau, und da war er dann auch mit Renate, der Mutter von Elli zusammen.“

- „Echt - na meine Mutti hat er dann erst später in Weimar kennengelernt - über die Arbeit irgendwie.“

- „Ja, und ich glaube, da war er auch noch mit meiner Mutti verheiratet, und auch noch zusammen. Die erste Sache mit Renate hatte sie ihm nämlich verziehen.“

- „Ach so, echt, die waren verheiratet!“

- „Ja, und mit Renate hatte er damals auch schon einen Heiratstermin gehabt. Frag mich nicht warum er sich erstmal für meine Mutti entschieden hat. Vielleicht weil sie ihn mehr brauchte.“

- „Hmm - krasse Sache – hätt’ ich nie gedacht. Aber es macht Sinn, so im Nachhinein betrachtet… Siehst du, ich hab mir immer gewünscht, dass mein Vater nicht so bieder und sti-no-mäßig unterwegs ist. Klar - für dich ist die Sache natürlich tragisch, aber für mich … ich meine, diese Geschichte zu hören … ich habe das Gefühl, dass ich an ihn heranrücke wie nie zuvor in meinem Leben. Auf einmal bekommt er wahrhaft menschliche Seiten … und interessante.“

- „Ich kann mir schon vorstellen, dass dich das fasziniert. Eigentlich war er ja damals 'n ganz schön cooler Typ. Hat das Leben in vollen Zügen genossen - rücksichtslos - so Nietzsche-mäßig, weißt du wie ich meine? …“






Potsdam, 30.11.07





Portrait durch Szene (Erstelle ein Portrait durch beschreiben einer Szene!)



Im Portemonnaie trug er ihre Bilder nicht. Er hatte dafür keine passenden, und es wäre ihm auch gezwungen vorgekommen, anmaßend sogar. Aber er wusste wo sie lagen. Und auch wenn er sie bisweilen über Monate nicht herausholte, so waren sie doch präsent. Sie existierten, und er wusste darum.

Auch seine Frau wusste um sie. Er achtete sehr auf ein schonungslos ehrliches Verhältnis in seiner Beziehung zu ihr. Und ebenso wie in seiner, waren die Bilder auch in ihrer Welt ein fester Bestandteil.

Dennoch hatte er immer ein schlechtes Gewissen wenn er an sie dachte, sodass er sie fast immer dort liegen ließ wo sie waren. Er brauchte schon eine angemessene Rechtfertigung, um sich zu erlauben sie für ein bis zwei Minuten anzuschauen.

Und wenn er dies dann tat, blickte er auf ein paar fast unberührte, belanglose Farbfotografien an deren matter Oberfläche er hängenblieb. Für diese zwei Minuten blockierte sein Geist in einer rationalen Leere. Wie ein Hund glotzte er. Ohne jegliche Rührung.

Nichts sagten ihm diese Gesichter, abgeschnitten von jeglicher Realität - in einer Vergangenheit zu der ihm jegliche Verbindung fehlte. Er hatte sie sich ja auch auf fast unlautere Art und Weise angeeignet. Nichts wussten ihre Besitzer darüber, wie er hier saß und versuchte sie zu betrachten, während sie irgendwo da draußen ihren Weg ohne ihn gingen und sehr wahrscheinlich recht gut damit zurechtkamen.

Anders wäre das sicherlich mit Bildern aus ihrer gemeinsamen Zeit gewesen, aber die existierten nur noch in seinem Inneren. Er war es selbst gewesen, der damals den Entschluss gefasst hatte, dass er für eine neue Zukunft mit seiner Vergangenheit abschließen müsse. Doch auch wenn sich Fotografien und Alben aus den Schränken entfernen ließen, blieben …





04.01.08



Dialog (Schreibe einen Dialog!)



- Schau mal was heut‘ wieder im Briefkasten lag.

[Pause.]

- Mmh. Hast Du‘s schon gelesen?

- Ja, aber lies erst mal selber.

[Er liest.]

- Och. Nöh! Jetzt wird‘s verrückt! [Pause.] Was hälst du davon?

- Naja, das war ja zu erwarten, wenn man mal ehrlich ist. Schließlich ist es dein Sohn.

- Ja, na und?! Ich musste die Entscheidungen meiner Eltern auch akzeptieren. Ich musste mich auch damit abfinden. Und ich komm doch ganz gut damit zurecht.

- Das ist die Frage; wie gut du damit zurecht kommst. Wie glücklich bist du denn über deine Eltern und deine Vergangenheit?

- Darum geht‘s doch überhaupt nicht! Es geht darum, die Entscheidung von anderen Menschen zu akzeptieren. Das ist doch mein Leben!

[Pause.]

- Und sein Leben?

[Pause.]

- Das ist doch sowieso nur wieder so ‘ne Spinnerei! Mal ‘n bisschen auf die Pauke hau‘n. Reine Provokation!

- Und wofür?

- Na um sich zu rächen. Ich bin halt der böse Rabenvater. Und so ungeschoren darf ich nicht davonkommen. Das beweisen doch diese Schmierblätter von damals. Kuck doch mal - die Karte von diesmal wieder. Und überhaupt - dass er eine Karte dafür nimmt - das ist doch … Was soll denn das?

[Pause.]

Montag, 5. Januar 2009

haiku

Sanft legt sich Neuschnee
auf den schlafenden Pappsarg
in der Häuserschlucht.

Wahre Liebe

Sieben Jahre geliebt und gehasst.
Sieben Jahre gesehnt und geflohen.
Sieben Jahre gewidmet und gebraucht.

Jetzt sind wir müde und einverstanden.
Jetzt sind wir dankbar für die Frucht unserer Leiden, unserer Liebe.
Jetzt können wir ablassen voneinander.

Das ewige Band geknüpft, kann ich dich nie wieder verlieren.
Du bist mein. Ihr seid mein.
Endlich frei.

Donnerstag, 31. Juli 2008

Dear Bildungselite (Liedtext)

Dear Bildungselite

1)
Lingua esta franca [sic!], ein offenes Experiment.
Warum sie limitieren (dick!), sie degradieren zu 'nem Exkrement?
Alles was englisch klingt ist dir suspekt.
Darum diskutierst du gern über dieses brisante Objekt.
Wenn 'n homie von slang spricht, nennst du das Jargon,
Benutzt Worte wie "sorry" nicht, sagst lieber "pardon".
Du bist nie down oder blue, kriegst maximal Depression',
Stehst nicht auf Actionfilme, eher auf politische Aktion'.

----- Kehrreim:
----- This is a speech act, performative and for you.
----- Also shut the f... up wenn du was blick'n willst un' hör zu.
----- Die Sprache ist unser, ihr könnt ihr nichts amputier'n.
----- Wir kleb'n ran, was uns passt, praktizier'n geht über studier'n.
----- Angewandte Lingvistik - Sprache ist universell.
----- Monopolisier'n is' nich' - fuck off an' go to hell.
----- Ob Deutsch oder Französisch, ob Englisch oder Latein,
----- Wir benutzen sie alle - zusamm'n schöner als allein.

2)
Check'n willst du kaum was, tendierst eventuell zum kapiern.
Statt aus Fun entstand'st du aus'm Reagenzglas, statt am Chill'n bist du neurotisch am Frigier'n.
'N Klugscheißer bist du und 'n Moralist.
Das Wort müsstest du kennen, sogar als Purist.
Vom Latein abstinier dich, du Sprachengendarm,
Vom Französisch, vom Griechisch, artikulier dich dann - arm.
Wir rock'n 'ne Jam. Du improvisierst Konfitüre.
Wir mög'n Fettes Brot, Beginner. Du - Tristans Ouverture.

----- Kehrreim:
----- Das ist ein Sprachakt. Ausführlich. Und jetzt Du!
----- Mach ma'n Schnabel zu, wenn du was blick'n willst un' hör zu.
----- Die Sprache ist unser, ihr könnt ihr nichts amputier'n.
----- Wir pack'n rein, was uns passt, praktizier'n geht über studier'n.
----- Angewandte Lingvistik - Sprache ist universell.
----- Monopolisier'n is' nich' - well, well, drauszen wird's hell..
----- Ob Deutsch oder Französisch, ob Englisch oder Latein,
----- Wir benutzen sie alle - zusamm'n schöner als allein.

3)
'Ne reinrassige Sprache, das würde dir gefall'n.
Kultur pur, a. h.!, nur Althochdeutsch lall'n.
Nein, du hast Recht, Entwicklung muss sein,
Aber keine Kreole, nur das Deutsche zählt - rein.
Doch oral penetrierend arbeit ich mich hinein.
In lingua veritas, komm hör auf mit Wein'.
Ich nehme sie durch, wie 'ne Lektion vor der Klausur.
She digs it, elle l'aime, ma langue chaude de l'amour.

----- Kehrreim

4)
Dir fehlt die Potenz, du hast Angst vor der Mixtur.
Du denkst nur, du liebst Sprache, du denkst, sie existiert pur.
Ich befrei sie aus dei'm Gebrauch, bau sie auf, bau sie um,
bau die Norm aus, quatsch rein, I speak - ergo sum.
Sie befreit mich aus deiner Welt, we speak-dance to survive.
Wir verändern, wir kreieren, we change, we are alive.
Befrei dich mit uns, komm Baby, dicht dich aus.
Der Gedanke ist frei. Komm sprachlich, komm raus.

----- letzter Kehrreim:

----- This is a speech act, performative and for you.
----- Je vous en prie, macht den Mund auf und reimt was dazu.
----- Die Sprache ist unser, allein macht's keinen Sinn.
----- Sender sucht Empfänger – situation: win-win.
----- Angewandte Lingvistik - Sprache ist universell.
----- Doch die jedes einzelnen ist anders und speziell.
----- Mein Deutsch ist nicht dein Deutsch, und das muss auch nicht sein.
----- Lass uns ma' austauschen? Komm, fühl dich hinein!

Mittwoch, 9. April 2008

sprich dicht aus (Gedicht)

sprich dicht aus
theo bald
-
dich richt ich
wicht ich er dicht er
nach sicht ich
-
sprich nicht schreib
nicht ich er richt er
um sicht ich
-
strich um strich
will end lich schlicht er
hell sicht ich
-
red schreib schweig
statt sterb mach licht er
du nicht ich
-
bring dich um
den sinn halt nicht ich
auf richt dich