Dienstag, 22. September 2015

Dienstag, 15. September 2015

Tagebücher

Erwachen (1998)


Rauschen durchdringt meinen Kopf. Ein anderer Rausch als letzte Nacht. In gleichmäßigen Intervallen, ständig an- und abschwellend. Bei jeder Wiederkehr verstärkt sich das Getöse, und mein Kopf beginnt im selben monotonen Rhythmus zu dröhnen.

Erdrückende Hitze liegt auf meiner Haut, und gleißendes Hell durchscheint die Augenlider, um mich vollends aus Morpheus Reich in das der Lebendigen zurückzuführen. Ein pelziger Geschmack beherrscht meine Mundhöhle. Kopf und Oberkörper bewegen sich zu Seite, um unverdauten Sangria und Hansapils den Weg von Magen bis in den Sand neben mir zu ermöglichen. Ungeheure Schmerzen bringen meinen Schädel fast zum Bersten, und ein schwaches Stöhnen entweicht meiner Kehle.

Silbernes Kinderlachen dringt an mein Ohr. Und nun, da ich die Augen einen Spalt breit öffne, erblicke ich ein kleines Mädchen, das mit ausgestrecktem Finger au mich zurennt. Nach wenigen Metern wird sie jedoch vom Vater eingeholt, der ihr die Augen zuhält und sie zum Strand zurückführt.

Ich schaue an mir herab. Mein freier Oberkörper ist tiefrot gefärbt. Ich bin barfuß und meine Shorts sind bis zu den Knien heruntergezogen. Neben mir liegt mein nach Bier riechendes Hemd und ein geöffnetes aber unbenutztes Präservativ. Was es mir bedeuten soll, vermag ich im Moment jedoch nicht zu enträtseln.

Die Sonne steht im Zenit, und so ziehe ich meine Hosen hoch, streife mein Hemd über und schließe die Augen. Denn 16 Uhr schon öffnet der Ballerman wieder.

Wenn man es gut meint, kann man die Darstellung als pfiffige Groteske werten, die im Abschluß noch ihr Thema findet und situativ äußerst realitätsnah, wenn auch ekelerregend bleibt.
Obwohl Kind und Vater den Wirklichkeitsausschnitt kurz bewertend erhellen, bleibt der Text eine zweideutige Variante, die in der Bewertung vom Leser abhängig ist.

12 P.
F. Lohse
05.07.1998

Katz und Maus von Kafka

Krieg und Frieden (1998)

Der Frieden ist ein kostbares Gut. Denn zu Friedenszeiten kann der Mensch sich erholen. Von materiellen Verlusten vor allem. Er kann wieder eine Wirtschaft aufbauen, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen und sie die Schrecken des Krieges vergessen lassen. Auch kann der Mensch aufrüsten und neuere, effektivere Waffen erforschen, die schneller, präziser noch mehr Menschen töten. Der Mensch kann sich an seinen Eroberungen und Machtvergrößerungen erfreuen, so dass er sich bald daran gewöhnt und langweilt. Oder er nährt seine Frustration über die Gebietsverluste und Niederlagen und schmiedet Pläne, wie sie wett zu machen sind.

Dann ist die Zeit gekommen für einen neuen Krieg. Denn Krieg bedeutet Hartnäckigkeit, mit welcher er wieder und wieder in den Köpfen auftaucht, wenn diese durch Wohlstand und Ignoranz vernebelt sind.

Es gibt verschiedene Kriege. Zum Beispiel soll es einen gerechten Krieg geben. Einen Präventionskrieg. Oder einen Befreiungskrieg, bei dem ein Teil der Menschheit versucht, sich von einem anderen Teil zu befreien. Vor einiger Zeit gab es einen 30-jährigen Krieg, der so vernichtend war, daß man zum ersten mal in der Geschichte der Menschheit einen gewaltsamen Konflikt durch einen Vertrag beenden musste. Von einigen wird er als Religionskrieg bezeichnet, da der Mensch glaubt, dass es wichtig ist, dass alle anderen glauben, was er selbst glaubt. Diese Idee und die daraus resultierenden Konflikte bestätigen und verstärken sich auch in der heutigen Zeit mehr und mehr. Nach dem 30-jährigen, dauerte die Periode des Friedens dann auch ein wenig länger, bis die Menschen wieder vergessen hatten. Doch als es wieder so weit war, folgten viele einem einzelnen bis nach Russland, und er musste dann später zur Strafe allein auf einer Insel sterben.

Wieder waren Jahre der Regenerierung nötig. Schließlich kam eine Zeit, in der die Menschen auf etwas Stolz sein mussten. Vielleicht hatten sie nicht viele Alternativen, oder ihre eigenen Errungenschaften waren ihnen zu unbedeutend. Und so waren sie stolz auf den Ort ihrer Herkunft. Ihr Vaterland. Und für diesen sehr berechtigten Stolz lohnt es sich natürlich auch zu kämpfen. Zwei Mal sogar in kürzester Zeit. Das sich viele Menschen daran beteiligten, nennt man diese Konflikte „Weltkriege“. Da nun der letzte aber den Menschen gar zu sehr schockiert hat, musste der Frieden diesmal ein wenig länger dauern. Und weil der Mensch aber weiß, dass er schnell vergisst, erschafft er Regeln, Gesetze und große Organisation, die ihn vom Kriegen hindern sollen. Da dies aber nicht reicht, erfindet er sogar wieder einen neuen Krieg, nämlich den Kalten. Hierbei befriedigt die bloße Vorstellung seiner Auswirkungen die Bedürfnisse des Menschen nach Terror. Da ihm diese Sache aber doch zu heikel wird, baut er ab, und kleinere Scharmützel beginnen wieder. Meiste werden dann wieder Ursachen wie Glauben, Gerechtigkeit oder Befreiung genannt.

Die Funktion des Friedens für den Menschen ist also fast genauso essentiell wie die des Krieges. Der wäre ja ohne den Frieden gar nicht möglich. Der Krieg nun aber scheint für den Menschen ein sehr lebenswichtiges Bedürfnis zu sein.

Man hört zwar auch immer wieder von Menschen, die einfach nur friedlich dahinleben wollen, aber die heutige Lage betrachtet, scheinen jene wohl nur wenige Ausnahmen zu sein.

Potsdam, 23.11.2007


Portrait (Erstelle ein Portrait!)


- „Du bist mein Bruder?“

- „Ja, und wir haben auch noch eine Schwester. Elli ist 18 Tage jünger als ich und wohnt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in Leipzig. Du bist also schon Onkel.“

- „Krass! 18 Tage jünger? Wie geht das denn?“

- „Na ja, verrückte Geschichte. Meine Mutti hat das damals auch nicht so gut verkraftet, als die Unterhaltsforderungen von Ellis Mutti im Briefkasten lagen … aber da können wir ja später nochmal drüber reden. Du hast also nichts von uns gewusst?“

- „Nee.“

- „Aber was hat er euch denn erzählt über sein Leben bevor er deine Mutti kennengelernt hat?“

- „Na ja, so viel haben wir da nie drüber gesprochen … er hat halt bei der Wismut studiert, vorher war er noch bei der Fahne gewesen - und natürlich ein paar Geschichten aus der Bandzeit. Weißt du davon?“

- „Na nur dass er wohl Bassist war, in einer Band, die auch "relativ" erfolgreich war im Osten - 'n bisschen Party ham'se wohl gemacht.“

- „Darüber ham wir nicht so viel gesprochen, aber durch die Musik musste er bei der Armee nich ganz so hart ran, und über die Beziehungen hat er dann auch den Studienplatz in Eberswalde gekommen.“

- „Genau, und da war er dann auch mit Renate, der Mutter von Elli zusammen.“

- „Echt - na meine Mutti hat er dann erst später in Weimar kennengelernt - über die Arbeit irgendwie.“

- „Ja, und ich glaube, da war er auch noch mit meiner Mutti verheiratet, und auch noch zusammen. Die erste Sache mit Renate hatte sie ihm nämlich verziehen.“

- „Ach so, echt, die waren verheiratet!“

- „Ja, und mit Renate hatte er damals auch schon einen Heiratstermin gehabt. Frag mich nicht warum er sich erstmal für meine Mutti entschieden hat. Vielleicht weil sie ihn mehr brauchte.“

- „Hmm - krasse Sache – hätt’ ich nie gedacht. Aber es macht Sinn, so im Nachhinein betrachtet… Siehst du, ich hab mir immer gewünscht, dass mein Vater nicht so bieder und sti-no-mäßig unterwegs ist. Klar - für dich ist die Sache natürlich tragisch, aber für mich … ich meine, diese Geschichte zu hören … ich habe das Gefühl, dass ich an ihn heranrücke wie nie zuvor in meinem Leben. Auf einmal bekommt er wahrhaft menschliche Seiten … und interessante.“

- „Ich kann mir schon vorstellen, dass dich das fasziniert. Eigentlich war er ja damals 'n ganz schön cooler Typ. Hat das Leben in vollen Zügen genossen - rücksichtslos - so Nietzsche-mäßig, weißt du wie ich meine? …“






Potsdam, 30.11.07





Portrait durch Szene (Erstelle ein Portrait durch beschreiben einer Szene!)



Im Portemonnaie trug er ihre Bilder nicht. Er hatte dafür keine passenden, und es wäre ihm auch gezwungen vorgekommen, anmaßend sogar. Aber er wusste wo sie lagen. Und auch wenn er sie bisweilen über Monate nicht herausholte, so waren sie doch präsent. Sie existierten, und er wusste darum.

Auch seine Frau wusste um sie. Er achtete sehr auf ein schonungslos ehrliches Verhältnis in seiner Beziehung zu ihr. Und ebenso wie in seiner, waren die Bilder auch in ihrer Welt ein fester Bestandteil.

Dennoch hatte er immer ein schlechtes Gewissen wenn er an sie dachte, sodass er sie fast immer dort liegen ließ wo sie waren. Er brauchte schon eine angemessene Rechtfertigung, um sich zu erlauben sie für ein bis zwei Minuten anzuschauen.

Und wenn er dies dann tat, blickte er auf ein paar fast unberührte, belanglose Farbfotografien an deren matter Oberfläche er hängenblieb. Für diese zwei Minuten blockierte sein Geist in einer rationalen Leere. Wie ein Hund glotzte er. Ohne jegliche Rührung.

Nichts sagten ihm diese Gesichter, abgeschnitten von jeglicher Realität - in einer Vergangenheit zu der ihm jegliche Verbindung fehlte. Er hatte sie sich ja auch auf fast unlautere Art und Weise angeeignet. Nichts wussten ihre Besitzer darüber, wie er hier saß und versuchte sie zu betrachten, während sie irgendwo da draußen ihren Weg ohne ihn gingen und sehr wahrscheinlich recht gut damit zurechtkamen.

Anders wäre das sicherlich mit Bildern aus ihrer gemeinsamen Zeit gewesen, aber die existierten nur noch in seinem Inneren. Er war es selbst gewesen, der damals den Entschluss gefasst hatte, dass er für eine neue Zukunft mit seiner Vergangenheit abschließen müsse. Doch auch wenn sich Fotografien und Alben aus den Schränken entfernen ließen, blieben …





04.01.08



Dialog (Schreibe einen Dialog!)



- Schau mal was heut‘ wieder im Briefkasten lag.

[Pause.]

- Mmh. Hast Du‘s schon gelesen?

- Ja, aber lies erst mal selber.

[Er liest.]

- Och. Nöh! Jetzt wird‘s verrückt! [Pause.] Was hälst du davon?

- Naja, das war ja zu erwarten, wenn man mal ehrlich ist. Schließlich ist es dein Sohn.

- Ja, na und?! Ich musste die Entscheidungen meiner Eltern auch akzeptieren. Ich musste mich auch damit abfinden. Und ich komm doch ganz gut damit zurecht.

- Das ist die Frage; wie gut du damit zurecht kommst. Wie glücklich bist du denn über deine Eltern und deine Vergangenheit?

- Darum geht‘s doch überhaupt nicht! Es geht darum, die Entscheidung von anderen Menschen zu akzeptieren. Das ist doch mein Leben!

[Pause.]

- Und sein Leben?

[Pause.]

- Das ist doch sowieso nur wieder so ‘ne Spinnerei! Mal ‘n bisschen auf die Pauke hau‘n. Reine Provokation!

- Und wofür?

- Na um sich zu rächen. Ich bin halt der böse Rabenvater. Und so ungeschoren darf ich nicht davonkommen. Das beweisen doch diese Schmierblätter von damals. Kuck doch mal - die Karte von diesmal wieder. Und überhaupt - dass er eine Karte dafür nimmt - das ist doch … Was soll denn das?

[Pause.]



21.12.2007

Bild: Abbey Road The Beatles


Auch an diesem Morgen drehten sie wieder ihre Runden. John führte im Moment mit zielgerichtetem Blick, hatte die Hände in den Taschen um schnittiger zu sein. Die anderen drei erholten sich in seinem Windschatten. Alle verfolgten sie ein gemeinsames Ziel, doch jeder hatte so seine eigene Vorstellung, wie man am effektivsten dorthin unterwegs war. Und denoch: Es gibt Hinweise, dass das Ziel nicht des einzig Wichtige für die Jungs war.

John führte also. Eine Lichtgestalt. Hell. Und doch nicht weiß. Sein Bart und die langen Haare schützten ihn vor der Witterung. Ebenso wie seine Brille. Außerdem machte er damit Eindruck - sowohl bei den Kleinen, als auch bei den Großen. Aber es ist schwierig zu sagen in welchem Maße dies wichtig für ihn war.

Ringo ist zweiter. Haare und Baart sind bei ihm kürzer. Ist er noch nicht so weit oder schon eine Runde weiter? Schwarzer Anzug, weißes Hemd, roter Binder. Die Schuhe glänzen. Macht was her, ohne Frage. Ist sein Blick auf Johns Rücken gerichtet? Oder sieht er an ihm vorbei mit zusammengekniffenen Augen, um das Zwischenziel vor ihnen zu erahnen?

Hinter ihm ist Paul. Fällt aus der Reihe; mehr als die anderen; auf den ersten Blick. Gesicht ist glatt, Zigarette in der Hand. Keine Schuhe - im Gegensatz zum schicken Anzug. Störender aber noch: Seine Schrittfolge ist nicht die der anderen. Wenn die drei den linken Fuß vorn haben, hat er den rechten vorn. Man könnte meinen, er zieht seine Zehen an, um nicht die Hacken von Ringos Schuhen damit zu berühren.

Auch George bekommt seine Probleme dadurch. Er läuft versetzt, um frei ausschreiten zu können; ist dadurch nicht ganz in einer Linie mit den anderen. Auch sein Blick scheint rechts an allen vorbei zu gehen, und zeigt seine Bereitschaft zum Überholen oder Ausbrechen an. Er ist in Jeans - working class; als statement. Haare lang und Baart. Eine Hand einstecken, eine frei - unausgeglichen.

So ziehen sie. Und andere schauen zu. Beobachten ihren Weg von der einen Seite zur anderen. Sie sind zu viert. Für ein paar Sekunden nur befinden sich alle gemeinsam auf der Straße, ohne Kontakt zum Gehweg. Sicherlich, für den einzelnen ist es mehr, aber auch John, selbst wenn er führt, weiß, dass die anderen da sind. Außerdem benutzen sie den Zebrastreifen.

Warum also diese Aufnahme? So und nicht anders? In der Abbeyroad, an einem Sommertag? Wo wollten die Jungs hin? Und warum hält man sie dabei auf?

„Nein, nein, nein! John! Nicht so schnell - das muss entspannter aussehen. Und du Paul – mach’ die Zichte jetzt mal aus - die Länge so ist gut - und der Rauch stört sowieso mehr als alles andere. George - krämpel mal deine Manchetten 'n Stück hoch - das kommt groovy.“

Und so ging es. Jeden Tag. Immer von neuem. Immer vorwärts. Anders zwar, aber vorwärts. Und von neuem. Über die Straße. Von hüben nach drüben. Ohne Hilfe, ganz allein. Mit Orientierung und Anweisung. Aber selbstständig. Frei. Vor allem der erste. Geleitet nur durch seine Umwelt; und den ganzen Rest eben. Mit festem Schritt. Meistens zumindest. In der Abbey Road. Und anderswo. Bis rüber. Und weiter. Nach vorn. Von vorn. Nochmal. Aber anders. Immer wieder.