Freitag, 11. Dezember 2020

Tragödie

 Und dann wollte er ihr noch sagen: „Ich habe unsere Liebe nicht allein zerstört.“ Aber da war sie schon weg.

Er blieb noch eine Weile. Er wusste nicht, wie weit sie schon war, wie lange sie schon unterwegs war, denn sie hatte sich ohne sein Wissen schon einen Vorsprung verschafft. Dennoch war er sich sicher, dass sie ihn gehört hatte, und er hoffte darauf, dass sie auf seine letzten Worte reagieren würde. Auf diese demütige Bitte um Vergebung des sonst so stolzen Königs. Auf dieses Angebot der Versöhnung und der Verständigung.

Aber sie reagierte nicht. Ab und zu vergewisserte sie sich, dass er noch da war, dass dieser einst so schöne und nun unsagbar traurige Ort noch mit Liebe und Hoffnung gefüllt war. Und das beruhigte sie, und sie konnte ihren Weg fortführen.

Und dann verstand er, dass es sich um eine Tragödie handelte: So lange er hier blieb, so lange sie ihn hier sehen würde, würde sie seine Worte nicht wahr nehmen. Sein Bleiben verstünde sie als Zeichen ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer Unschuld. Erst mit seinem Verschwinden wäre es ihr möglich, sich selbst in Frage zu stellen.

Er ging.

Und nun war es an ihr die unsagbare Traurigkeit dieses einst so schönen Ortes allein auszukosten.